Sonntag, 23. November 2014

Tooth & Claw – Magischer Raubbau mit Klauen & Zähnen (#Review / #Comic)




Richtig – meine erste Comicrezension seit geraumer Zeit – ich will jetzt auch nicht verhehlen, dass diese nur unter großem Widerwillen zustande kommt! Ich muss protestieren, in aller Form! Der Quitzi bedrohte mich mit einer Zuckerstange (andere übrigens auch!), dieser miese Schuft mit dem Gesicht einer Pappkatze!

Ihr könnt euch unter diesem Bekennerschreiben darüber informieren, wie es dazu kam, dass er hilflose Blogger mit einer vorgehaltenen Schaumgummiwumme zur Abgabe einer Publikation erpresst hat. Erst Milchgeld, dann Comicbesprechungen, dieser Mensch kennt keinerlei Skrupel ...

... kommen wir mal zum Comic. Der neue Image-Titel ist sowas wie ein Versuchsballon. Der Verlag scheint aufgrund der sinkenden Heftverkäufe zu reagieren und hat scheinbar vor den Weg der Hochwertigkeit zu beschreiten. Und dieser Comic überzeugte mich schon vor dem Aufblättern. 48 Seiten – werbefrei! Auf handschmeichelndem Papier: hübsch schwer, haptisch wirklich hochwertige Kost.

Und auch das Design hat Charme – keine quietschbunte Werbebeulenpest überzieht das Cover, welches auf Kosmos XYZdrölf und die TV-Serie und den Merchandisekrams verweist - nee es ist komplett reduziert und aufgeräumt.

Das Coverdesign ist halbiert, das Serienmotiv (ein entspannt im buddhistischen Schneidersitz herumschwebendes Schwein mit Bandana) befindet sich in der oberen Hälfte, in der unteren Hälfte findet man Angaben zum Autor und dem Zeichner, der Colouristin und dem Letterer plus Titel auf weissem Grund. Schlicht. Das Labellogo ist beinahe scheu in die obere linke Ecke gestreut, möglicherweise bereitet Reprodukt gerade seinen Super-Scoop vor: die stille Übernahme vom Image. Denn die allererste Referenz, die mir bei der Gestaltung in den Sinn kam, war eben deren reduzierte Coverkunst.

Textverantwortlich für diesen Titel ist Kurt Busiek, ein alter Hase quasi, dessen Serie Astro City gelinde formuliert legendär ist. Er arbeitet mit seinem Hausletterer comiccraft zusammen, mit dem er seit mehr als zwei Dekaden zufrieden ist (ich übrigens auch) und kann für die Farben die großartige Jordie Bellaire gewinnen, deren Farborgien bei Pretty Deadly mich sofort fasziniert und überzeugt haben. Den Zeichner (Ben Dewey) kenne ich bislang noch nicht, aber seinen Strich finde ich sehr vergnüglich. Der kann echt tolle Tiere malen. Und Flugschiffe. Und Brücken. Und Plätze. Und Eierbratpfannen.

Kommen wir mal zum Inhalt. Es sind die einführenden 48 Seiten, die den Kosmos der Serie eröffnen und ja sie machen mich verflucht neugierig.

Kurze Paraphrase. Wir befinden uns in einem Fantasysetting mit schwebenden Städten und anthropomorphen Figuren. Sehr niedliche Tiere oftmals. Der verschlummerte Igel, der Eier brät, auf Seite zwo weckte bei mir sofort Verbundenheitsgefühle. Sicherlich spricht er am Morgen ebenfalls fliessend Wookie. Brofaust in den Comic gesteckt, neuen Freund gefunden. Topsache.

Und auch ansonsten ist diese Stadt, in der alles gemächlich dahin zu dümmeln scheint, sehr schön. Entschleunigt, harmonisch, fluglärmlos. Zuckerwatte und Seifenblasen gelten hier sicherlich schon als Angriffswaffen. In dieser trondheim'schen Utopie der glücklichen Tierwesen versteckt sich aber ein Glitch. Nennt sich Energieknappheit, denn die Städte gleiten aufgrund eines total geheimen Schwebevoodoos durch den Himmel – und Voodoo wird betrieben durch (Richtig, Kinder!) durch magische Essenzen. Und eben die werden rar.

Und so berufen die glücklichen Tierchen alle ihre magischen Ingenieure in die Hauptstadt ein, und die kommen auch zahlreich angereist mit Flugschiffen und lauter wundervoll skizzierten Fluggeräten – ja, der Zeichner ist toll, ein Schwarm Killerfleissbienchen sei ihm sicher. Und der Rat der Weisen will dann zusammen ausbaldowern, wie man dieser magischen Ölkrise begegnen mag.

Bei dieser Zusammenrottung zauberbegabter Lobbyisten macht ein kleines Ebermädchen einen unorthodoxen Vorschlag zur Magieförderung und wird dafür von einem eindrucksvollen, majestätischen Adler rüde abgestraft – dieser Vogel ist natürlich zeitgleich auch der Vorsitzende des Rates. Also Quotenfedervieh sagt nee. Ab in die Tonne. Sitzung vorbei. 

Der Vorschlag des Schweinemädchen trifft aber auf umfangreiche stille Zustimmung und so kommt es in der Taverne zu informellen Übereinkünften unter trinkenden Magiern und Lobbyisten ...


... warum erläutere ich all dies in solch epischer Breite? Janz einfach, es ist wichtig zu verstehen, dass diese wohlgeordnete und relativ friedliche Welt (Ich mein' keiner der anreisenden Magier hat ne Schlachtflotte vor den Luftküsten der Stadt platziert.) durch eine Hybris zerstört werden wird. Und ja, auch abseits der Fabel haben Schweine, Adler, Giraffen, Meerschweinchen, Iltisse und Pandas ein Anrecht auf ihre eigene Katastrophe. 

Und die gibts dann auch am Ende des Heftes. Eine der Städte plumpst vom Himmel. Große Tragödie, zahllose Tierleichen zieren das Papier, und ein Hundewaise steht im Zentrum des Interesses.

Ich bin einfach nur unglaublich neugierig, wie es weiter geht, dieser Kosmos ist sammelwürdig! Elegante Geschichte, die zahllose subtile Verweise auf die ganz realen Welten hat, wo arme Schweinemädchen in Vorstandsetage dann auch nix zu sagen haben und so. Könnte ne sehr tolle Serie werden.



Samstag, 22. November 2014

Lieblingsalben #07: The Roots - Illadelph Halflife. Morde sehen, weinen, weitermachen.


Von "Organix" zur Jimmy Fallon-Studioband ist quasi die smarte Variante der Vom Bordstein bis zur Skyline-Träumereien. The Roots haben diesen Weg integer und unverwechselbar beschritten und auch wenn heute die Liveversion von "Things Fall Apart" wohl häufiger aufm Teller dreht, ich habe diese Platte wegen der Gesamtstimmung von "Section" und "It Just Don't Stop" mehr als nur ein bissl geliebt. Ich hab das Tape zweimal kaputtgespielt - noch Fragen?

Auf den beiden Tracks ist alles passgenau, hier glänzt Black Thought mit brillante Alltagsbeschreibungen, mit lässig dahinschleichenden Narrativen über Strassentod und anderen Hip Hop-Unsinn, den manch ein mancher anderer lieber idealisierte oder gar glorifizierte. Morde sehen, weinen, weitermachen. Die Essenz von Hip Hop vielleicht. Doublereimheadlinetextklammerstyle, Junge.