Mittwoch, 25. März 2009

Calvin & Hobbes ... eine Widmung aus tiefstem Herzen



Ein Bengel & sein Stofftier, soso ... diese Konstellation gibt doch nichts her, unkt die emporgereckte Augenbraue, wo sollen dort Konflikte, Emotionen und Szenarien des Scheiterns ihren Raum finden, wo die Katharsis und überhaupt, es gibt kein literarisches Feld innerhalb der Welt der bunten Bildchen.

Mhmmm. Nun ja.
Lassen wir die Augenbrauen in ihrer Funktion als kulturskeptische Entität mal in den schwarzen Sack gleiten und deponieren wir sie im Schrank - oder noch besser unterm Bett, bei den anderen Monstern & wenden uns dem Meisterwerk zu.

Als Bill Watterson 1985 begann, eine Dekade lang, der kindlichen Imagination und somit der Freude an den erdachten Freunden ein Denkmal zu setzen, hat er sich um solch geschmäcklerische Wertungen sicherlich nicht gekümmert.

Alltäglich schwarzweissten der Tiger & das Kind (am Sonntag sogar in Farbe) durch verschiedene us-amerikanische Zeitungen und versprühten ihren kantigen Charme, der am ehesten mit Charles M. Schulzes Kinderkosmos zu vergleichen ist.

Der Junge & sein Stofftier bilden unter den Augen jeder beteiligten Person ein klassisches Kindheitspaar, eben einen Jungen & sein Stofftier, aber treten die Beobachter in den Hintergrund entsteht plötzlich dieser explosive Cocktail von Tintenklecksen, dieses Panorama des liebenswerten Irrsinns.

Der Tiger wächst, er bäumt sich auf und ja er ist niedlich, vollgestopft mit Schalk und raffinierter Ironie, eine ausgewachsene Wildkatze in der Rolle eines Gauklers. Ein Kunstgriff der besonderen Art. Und ein Paar, welches Geschichte schreiben wird!

Eine prototypische Situation in der Existenz der beiden Protagonisten besteht in der wilden Prügelei, im wonnevollen Einschlagen auf den Anderen, dem Zertrümmern der elterlichen Besitztümer.

Ordentliches Krachen / wilde Farbwirbel / ein Staubflusenregen - und das Auftreten der Eltern, ergo die Rückkehr des Realitätsprinzips, das abrupte Ende der Tragkraft der Einbildungsgabe, die Beschränkung des kindlichen Geists.

Und natürlich ist der kleine Blondschopf der Schuldige, selbstverständlich erachtet die Autorität der Erwachsenwelt seine Beschuldigung des Stofftigers als Verursacher dieser Unordnung als empörend kindlich, als unglaubwürdig - als Ausflucht!

Und eben genau hier liegt die große Stärke dieses wundervollen Comics, Watterson hat mit diesem ungleichen Paar der kindlichen Fähigkeit zur farbenprächtigen Imagination, zur Belebung der unbelebten Umwelt, zum Staunen und Abtauchen in die Nichtigkeiten der Umwelt ein Monument der Anerkennung geschaffen!

Nicht der kleine, zu konditionierende Racker im Augenschein der treusorgsamen Eltern steht im Zentrum, sondern der verrückte, ausgeflippte Junge, dessen Stofftiger ein Freund ist, wie ihn sich vielleicht auch jeder der heutigen Erwachsenen wünscht, ein Assistent im Pappschachtelraumgleiter, ein Kumpel zum Fetzenfliegenlassen und ein aktiver Zuhörer, welcher dem jungen Ich des Jungen mehr als einmal eine wichtige Schulter ist.

Zu Wattersons Ruhm MUSS auch die Weigerung der Vermarktung seiner Idee gezählt werden, trotz des mehr als gewaltigen Interesses eines weltbekannten Imaginationskartell wurden der Tiger & sein Junge niemals Teil (oder vielmehr Opfer) einer Marketingstrategie oder zu schlecht getroffene Abbildungen auf Teetasse aus Fernost verschandelt.
Keine Porzellankitschfiguren schmälern den Genuss, kein verformter Gummiquatsch mit geringer Ähnlichkeit der beiden liegt in den Guckkästen der Kaufhäuser aus.


Calvin & Hobbes stehen noch heute für sich, ihre Idee und vor allem für ihre Botschaft.

Ich habe mich als Zehnjähriger beim Lesen dieser Comics dabei ertappt, überrascht entdeckt zu haben, dass hier ein Erwachsener - also ein Mensch der, wenn man Bradbury folgt, niemals Teil der gleichen Rasse sein kann, weil er eben kein Kind ist - die kindliche Weltsicht perfekt darzustellen, zu umreißen und abzubilden weiß. Ich war entsetzt, erstaunt und erleichtert zugleich!

Und ich erwische mich noch heute dabei, dass jede Re-Lektüre der großartigen Comics eine süße Erinnerung an die Tage ist, an denen eine Pappschachtel ausreichend interessant war um einen Nachmittag lang die erwachsene Umwelt zur Seite zu rücken.

Und an alle die Spötter unterm Bett, kann ich nur den Appell richten, lest mehr Comics über Tiger & Jungs, denn hier findet ihr mehr soziologische Sorgfalt, mehr liebenswerte charakterliche Finesse und Entwurfslogik bei der Personengestaltung als bei vielen der hochgepriesenen artifiziellen Bücher der Bestsellerlisten dieser Welt.

Ein Kinderbuch von Erwachsenen für Kinder & alle die es bleiben wollen.

Liebt den Tiger!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich liebe den Tiger. Danke für diese wundervolle Beschreibung und das Einfangen solch schöner Impressionen.

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Kein Ding. Finde es schön wenn jmd ähnlich denkt & fühlt!