Donnerstag, 29. April 2010

Ray Bradbury / Tim Hamilton - Fahrenheit 451 [Eichborn] ... die gelungene Adaption eines Meisterwerks

Phantastische Schriften hatten immer einen schwierigen Stand in der literarischen Bewertung, oftmals als eskapistische Massenware runtergeschrieben, galten sie nicht wirklich als kritisches Beschreibungsmodell gesellschaftlicher Prozesse.

Ähnliches - zumeist aber nochmals verschärft - gilt auch für die Gattung des Comics. Frei von schöpferischer Substanz, ohne nuancierte analytische Kategorien und adressiert an ein literaturfernes Publikum, so die abschätzigen Urteile.

Ob diese Vorbehalten tatsächlich zutreffen, soll nicht Teil dieser Rezension sein, ich sehe keinen zielführenden Sinn darin. Daher will ich mich vielmehr mit der Comicadaption eines populären Buches beschäftigen. Natürlich kann man einwenden, dass "Fahrenheit 451" bereits durch die filmische Umsetzung 1966 die Gattungsgrenzen überwunden hat und somit in den ausserliterarischen Mainstream gelangt ist, aber ist Truffaut tatsächlich als massentauglicher Künstler zu betrachten? Und falls ja, gelang es ihm die Stimmung des Buches tatsächlich adäquat umzusetzen, meines Erachtens nicht.

Tim Hamilton, der bereits durch einige sehr erfolgreiche Arbeiten auf sich aufmerksam machte und als Mitglied des kritischen DIY-Internetcomic-Kollektivs act-i-vate aktiv ist, adaptierte Bradburys literarische Vorlage, welches neben Huxleys "Brave New World", Orwells "1984 " und Samjatins "Wir" zu den vier grundlegenden Dystopien des 20ten Jahrhunderts gezählt werden kann. Dieser frühe Entwurf einer intellektfeindlichen, bereitwillig eskapistischen und völlig digitalisierten Welt bezieht seine starke Wirkung aus seiner Wirklichkeitsnähe.

Heute sind farbenprächtige Surroundbildschirmwände und das Ja zur medikativen Regulation der Lebensplagen und die medial geteilten Hysterien und Hetzen, integrale Teile unserer westlichen Alltagswelten. Und ob unsere Zuneigung zum Speichermedium Buch noch vorhanden ist, lässt sich anhand der fortschreitenden Ausdünnung der Verlagslandschaft recht klar beantworten, kurz: Rayburys scharfsinnige Extrapolation hat sich vielleicht in Detailfragen geirrt, aber die grundlegenden Entwicklungen haben sich (erschreckenderweise) durchaus bewahrheitet und bleiben brandaktuell.

In der von ihm skizzierten Gesellschaft existiert keinerlei kritische Debattenkultur, jedes eigenständige Denken wird durch die weitreichende und freiwillige Sedierung medikativ unterbunden und Job bleibt Job, auch wenn man dabei Menschen entzündet.

Weitreichende Sozialapathie, eine ständige mediale Berieselung und die offensichtliche Auffälligkeit, falls man gegen diese gesellschaftlichen Handlungsmaxime verstösst - all diese Faktoren sind vorhanden, wenn auch in einem deutlich harmloseren Mass.

Und ein Bücherverbrennen, im großen organisierten Stil findet auch nicht statt, aber die Verlagerung hin zu einer, in immer kleinere Informationspartikel zerfallende, Lesekultur kann durchaus als Grund für das Fehlen grundlegender kultureller Skills wie besispielsweise Lesefähigkeit von längeren und komplexeren Texten benannt werden, auch wenn viele jetzt sicherlich abwinken werden.

Faktisch ist Lesen aber (wie jedwelche andere kulturelle Praxis) eine Fähigkeit, welche ohne ständige Übung verkümmert, der Preis der Digitalisierung ist beispielsweise schon unser Verlust der Handschriftlichkeit.

Und nein, ich stimme jetzt sicherlich nicht in schirrmacher'schen kulturpessimistischen Gesänge ein, aber zum besseren Verständnis von Bradburys Anliegen ist die Sensibilisierung für diese Formen der Wissenstradierung immens wichtig.

Er war ein Gelehrsamkeitsoptimist, welcher in einer fortschreitenden Volksbildung eine der Grundlagen einer weitführenden gesellschaftlichen Liberalisierung sah. Während des Entstehungszeitraums des Romans (Erstveröffentlichung 1953) sah er die Möglichkeit der eigenmächtigen (atomaren) Ausrottung jeglicher Bildungstraditionen durch den (damals durchaus sehr hitzigen) Kalten Kriegs gegeben.

Diese apokalyptische, radikale und sehr düstere Note ist es vielleicht, die den Roman so unglaublich zeitgemäss und gleichzeitig zeitlos macht. Die waffentechnologischen Potenzen haben sich seit 1953 nicht zurückentwickelt, spinnerte Gruppierung testen auch gerne mal selbstgebastelte Sprengmittel oder toxische Gase in Nahverkehrsmitteln, die Brutalität von Konflikten hat sich vervielfacht und eine Besserung ist selbst für den nulläugigen Optimisten nicht in Sicht.

In Bradburys Vorlage überwacht eine staatsideologische Doktrin jede Form der Abweichung, diese Dissidenten werden beseitigt und mit ihnen auch diese kontaminierten, ansteckenden Krankheitsträger mit dem Gattungsnamen Buch. Er inszeniert, in einer grandiosen Überspitzung, die Panik eines jeden, durch Gewalt herrschenden Systems vor der Macht der Literatur. Natürlich wirkt diese Begeisterung heute etwas anachronistisch, man sollte aber berücksichtigen, dass in einigen Ländern ausserhalb der Mauern Europas, diese Verfahren noch immer freudige Anwendung finden (und auch in Demokratien wird ein Toleranzdefizit immer deutlicher).

Bradburys Schergen unternehmen jedoch nicht nur den Versuch alle Speichermedien mit abweichenden Inhalten den Flammen zu übergeben und somit eine Homogenisierung des Wissens herbeizuführen, sie wollen auch die Multiplikatoren dieses Wissens richten. Diese Praxis ist uns aus der deutschen Geschichte auch wohlbekannt. Wobei man die inszenierte Nutzung der Flammen auch nicht notwendigerweise benötigt. Stalins fleissigen Bienchen säuberten, auch ohne sie, die Bibliotheken von antifaschistischen Autoren, welche nicht doktrinkonform schrieben.

Welche Furcht Bradbury aber umtrieb, war nicht die Angst vor einer (meist zeitlich beschränkten) politisch gefärbten Kulturordnung, sondern vor dem Verlust einer überzeitlichen Gabe, die der Bewahrung von Kultur und deren Weitergabe. Diese Wahrnehmung wird sichtbar, wenn sich die Buchmenschen, zu denen Guy Montag im Verlaufe der Story flüchtet, einer, in der europäischen Weltdeutung lange verpönten Kulturtechnik bedienen.

Über Jahrzehnte galten die afrikanischen, schriftlosen Gesellschaften als kulturell rückständiger, als unbegabt in der Weitergabe kultureller Artefakte. Betrachtet man die Wirksamkeit oraler Tradierungstechniken wie beispielsweise der Griotdichung ist dieses kulturchauvinistische Argument natürlich fix zu entkräften und genau hier entwickelt "Fahrenheit 451" eine Dynamik, welche hochspannend ist.

Die Buchmenschen üben sich in der oralen Weitergabe kulturell bedeutsamer Schriften, welche den Feuersturm auch ohne ihre Trägermedien überstehen sollen, jeder Buchmensch lehrt einem jüngeren Mitglied dieser Exilantengemeinde den Wortlaut eines Buches, welches Teil unseres kulturellen Gedächtnisses ist.

Somit nähert sich das Buch aus zwei Perspektiven der Wichtigkeit eines Gedächtnisses. Das individuelle Gedächtnis der Bewohner dieses (Zukunfts-)Staates wird durch die Nutzung chemischer Substanzen eingetrübt, der Wunsch nach einer Erweiterung der kulturellen Sphäre kommt zum Erliegen, das Interesse an einem Anderen als dem Fernsehbild erlicht. Und mit der zunehmend tatenlosen Passivität geht eine Verkümmerung des kulturellen Gedächtnisses einher.

Anhand der etwas längeren Herleitung habe ich versucht klarzustellen, weshalb dieses phantastische Buch niemals eskapistisch war und somit können alle (möglicherweise neidvollen) Vorwürfe weniger wirkungsmächtiger Autoren und Ausdeuter belächelt werden, wertungsideologische Prämissen sind drehbar.

Zur Adaption: Hamilton aktualisiert in seinen eindrücklichen Bildern den Gehalt des Buches und eröffnet eine gänzliche neuen Horizont, was wenn eine Behörde die Feuermänner befehligt, eine Behörde deren Anliegen die totalitäre Meinungskontrolle ist, die jede Abweichung von den allabendlich ausgestrahlten Masternarrativen erzwingen will? Er beweist, dass der Roman eine beklemmend aktuelle Ebene besitzt, in der das Bewahren des kritischen (Informations-)Austauschs bereits umkämpft ist.

Seine, gleichsam an den Ästhetiken des Film noir und der Art déco geschulten Bilderwelten, entfesseln bei der grafischen Umsetzung des Romans eine hohe visuelle Gewalt. Ich habe den Roman (teilweise) nochmals parallel aufgeschlagen und festgestellt, dass manche Bilder so komprimiert den Storyverlauf darstellten, dass man ohne weiteres von einer verdichteten visuellen Nacherzählung sprechen kann, die trotz aller Werktreue eine sehr eigenständige Bildsprache entwickelt.

Insbesondere die Hetzjagd per Helikopter, welche Truffaut gänzlich aussparte und die Verfolgung Montags durch den angsthormongesteuerten Roboterhund, sind Szenen von hoher Suggestivkraft, welche man nicht so schnell wieder aus dem Kopf streichen kann/will.

Bradbury, selbst ein großer Comicfan, liess es sich nicht nehmen ein knappes Vorwort für diese Hommage zu seinem 90ten Geburtstag zu verfassen und hob (nicht ohne Spott) hervor, dass beide Künstler bewiesen, dass aus der Verbindung zweier verfemter Gattungen durchaus sehr kritische entstehen können.

Bradbury macht sich auch stark dafür, dass über seine Chiffre des destruktiven Feuerwehrmanns, des Täters in der Gruppe unter dem höheren Befehl, wieder vermehrt nachgedacht werden muss, will man ein freies, kreatives und kulturell arbeitendes Gemeinwesen erhalten. Weise Worte von einem klugen Mann ... ich finde, dass dieser Comic (und natürlich auch dessen zugrundeliegender Roman) Pflichtlektüren sind, daher greift hier (Comic) und hier (Roman) zu.

Flaneurtip, aber dieses Faktum sollte anhand der Textmenge eh klar sein ;).

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