Montag, 5. Dezember 2011

Über die Gnade der späten Geburt & das Schattenreich von Troy [Splitter]

In der deutschen Politik gab es einstmals ein kernfruchtförmiges Ding, welches gerne (und oft) von der Gnade der späten Geburt sprach. Gerne auch im Kontext der Bagatellisierung oder der Verharmlosung. Widmet man sich jetzt nicht den Widersprüchen & Paradoxien dieser Ausführungen, so kann man dieses Bild getrost als kraftvoll bezeichnen. 

Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet genau jetzt mit der Comickunst sozialisiert werden und Freunde, Bekannte, Verwandte  würde euch solche modischen Vokabeln wie Graphic Novel, sequentialistic word-picture-combination with a twist oder gar paperusing tale-tellery [ein warmherziges Dankeschön geht an dieser Stelle raus an Fil, der diesen begrifflichen Irrwitz gekonnt durch die Satirewurstmaschine presste] um die Ohren hauen - ihr müsstet doch denken, dass diese bunten Alben mit den Zählungen auf ihrem Rücken schieres Teufelswerk sind oder gehaltlose, infantile Kunst - oder?

Jetzt greife ich mal zurück auf das Bild der birnenförmigen Persönlichkeit - man kann das Geburtsglück auch zeitlich variieren. Ich für meinen Teil bin früh genug geboren, in einer Zeit, als die Enthusiasten des Comics noch keine akademischen Weihen & Ehrungen besitzen mussten, weil sich einfach alles stärker um Vergnügen & Genuss drehte und nicht um kulturindustrielle Verortung. Ich glaube auch, dass zahllose Comics der spätern 80er & frühen 90er gerade von dieser deutlich stärker sinnlich orientierten Erzählweise profitierten. 

Es wurde gespielt, ausprobiert, experimentiert - sonst sankrosante, unhinterfragte Heldenfiguren wurden dekonstruktivistisch zergliedert, es gab zahllose Remixe von bereits bekannten Szenarien und der ironische Spott presste sich aus fast jeder Panelritze. Der Comic galt als Ort in dem Erzählen neu bestimmt werden konnte. Ein eigengesetzlicher Raum, in dem die gewohnten Muster aus Film und Literatur nicht mehr galten. Eine neue Spielwiese, kreativ, durchgeknallt und nicht selten fundiert politisch. 

Der übermaskuline, breitschultrige, wortkarge Schwertträger galt in Smith's Bone nicht mehr als Weltenretter, er wurde durch einen nubbelnasigen, kleinen Naseweis ersetzt - fern jeglicher Heldenherrlichkeit eines Arno Brekers. Comics. Wunderbare Alternativen zu der narrativen Stangenware. Ja, die Gnade der frühen Geburt - die Stadtteilbibliotheken & ich. 

Rucksackweise hat man philosophisch angedickte Sci-Fi-Klassiker wie Valerian & Veronique nach Hause geschleppt, sich in Cristin's bitterbösen Polit-Fiktionen rumgetrieben und Gaston lässige Schnodderigkeit als höchstes Lebensprinzip entdeckt. Ja, neben Bone hat der französische Comic mich definitiv geprägt. 

Und jetzt kann ich für mich absurderweise auch diese klassische Gnade der späten Geburt nutzbar machen - denn ich habe in der letzten Woche zum ersten Mal einen kurzen Blick in den Kosmos von Troy geworfen, den Arleston als Szenarist seit fast 15 Jahren ausschmückt, erweitert & ergänzt. Der Lanfeust, ein Großwerk, eigentlich ein unumgänglicher Klassiker, aber bislang kam es noch zu keiner Bewegung zwischen mir und ihm - bis Dienstag.

Ich hab den Oneshot Das Schattenreich von Troy (Splitter) in die Finger genommen & begonnen zu lesen. Aufmerksam bin ich auf den Titel geworden, weil mich die Zeichnungen, die Farbgebung und auch der Bildwitz, stark an Yann's Helden ohne Skrupel erinnerten. Und fast ohne es zu bemerken, stolpere ich da mitten hinein in eine quietschbunte, raffiniert geschilderte (Schatten-)Welt, denn die Protagonistin dieses Comic ist entleibt (nicht tot) - Grund hierfür ist ihr Desinteresse an einer arrangierten Hochzeit. 

Ihre Seele muss in Arlestons Hades hinabsteigen und der enttäuschte Gatte - schliesslich stiehlt sich diese unverschämte Person vor der Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten einfach so davon - folgt ihr! Wunderbar absurdes Szenario mit zahlreichen tiefsinnigen, tiefergründigen Untertönen. Ja, dieser Mann versteht es zu erzählen, zu fesseln, zu begeistern und sein zeichnender Kompagnon Augustin liefert den letzten, nötigen Schwung optischer Überzeugungskraft.

Als nicht graphicnovelistisch eingeschränkter, also nicht serienphobischer Leser, kann ich staunend an diesen farbenfrohen Horizont herantreten, der vor Esprit, Witz und Einfallsreichtum schier überquillt. Der Figurenwitz ist unglaublich, Funny trifft Abenteuer, Philosophisches allerorts, die Akteure sind keine langweiligen Blaupausen, sondern sorgfältig erträumte Geschöpfe mit ihren ganz speziellen Grillen & Macken. Gerade fühle ich mich so angefixt, wie nach den ersten paar Seiten Bone oder Fables. Eine elegant, weitläufige Welt, voller liebevoller Kreaturen, selten ohne augenzwinkerndes Zitat. Und ihr werdet kaum glauben was Trolle alles futtern - echt Omnivore :D.

Was geschah? Mittwoch wühlte ich in den Comickisten meiner jetzigen Stadtteilbibliothek rum und entdeckte, es gibt zahllose Abspaltungen von diesem Universum - Weltraumszenarien und magische Örtchen mit verhaltensauffälligen Drachen, vielleicht verhandenen Göttern, schnippigen Elfen, eigentlich immer hungrigen Trollen und kuschelbaren Geistern. Warum können diese Franzosen eigentlich so verdammt gut erzählen und dabei einfach jeden Zeitbezug einschliessen? Arleston setzt den Stift an - Kerker & Gespenster - check, Raumsprünge & interstellare Pannen - check, grandios erzählte Abenteuergeschichten und (zeitgleich) der ironische Spott über diese Schwämereien - check. Ich bin komplett fasziniert.

Der Oneshot ist ein prima Vehikel für Neueinsteiger um diesen Kosmos kurz zu bereisen & sich dort becircen zu lassen. Für die alten Fans (die Bestandskunden dieses Szenariengenies) bietet er eine wundervoll erzählte Geschichte über die Ereignisse abseits des großen Storybogens. Eine Abzweigung, ein Umweg, eine unterhaltsame Odyssee durch Farbe und Wort. Prima finden, weiterlesen oder weiterverschenken. Man kann beim Kauf dieses Titels einfach nichts falsch machen - eine selten gewordene, profitable Situation.



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